TEIL 2 – Ich hatte gerade erst in diese Familie eingeheiratet. Doch ich würde nicht länger zusehen, wie alle sie ausnutzten.

Disclaimer This content is intended for entertainment purposes only and is not based on real events.

TEIL 2 – Ich hatte gerade erst in diese Familie eingeheiratet. Doch ich würde nicht länger zusehen, wie alle sie ausnutzten.

1. Die Mauer, die drei Jahre lang niemand anzurühren wagte

Ich drückte den Spaten mit aller Kraft in die Erde am Fuß der Mauer.

Der Boden gab nach.

Die Mauer war damals hastig errichtet worden. Ein ordentliches Fundament hatte sie nicht. Als ich den Spaten ein zweites Mal ansetzte, lockerten sich mehrere Ziegel.

Frau Liu stürmte auf mich zu.

„Bist du verrückt geworden? Gib mir sofort diesen Spaten!“

Ich wich einen Schritt zurück.

„Fassen Sie mich nicht an, Frau Liu. Ich grabe auf dem Grundstück meiner Familie.“

Ich zog die alte Grundstücksurkunde aus meiner Tasche und hielt sie hoch.

„Hier stehen die Grenzen schwarz auf weiß. Ihre Mauer steht 1,30 Meter zu weit auf unserem Grundstück. Nicht einen Zentimeter mehr verlange ich zurück.“

Inzwischen hatten sich zahlreiche Dorfbewohner versammelt.

Frau Liu wurde abwechselnd rot und blass.

„Dieses alte Papier ist doch längst ungültig!“

„Dann holen wir den Dorfvorsteher und lassen die Grenze nachmessen. Wenn ich mich irre, höre ich sofort auf.“

Ich nahm mein Telefon heraus.

„Soll ich ihn anrufen?“

In diesem Moment erschien ihr Mann, Liu Jianjun.

Er sah erst auf die Urkunde, dann auf die freigelegte alte Fundamentkante.

Aus der Menge sagte jemand leise:

„Die junge Frau hat tatsächlich Unterlagen.“

Ein anderer nickte.

„Die Mauer steht wirklich zu weit drüben.“

Liu Jianjun drehte sich zu seiner Frau.

„Du hast mir damals gesagt, die Familie Chen würde sich sowieso nicht wehren. Deshalb sollte ich die Mauer einen Meter weiter auf deren Grundstück setzen. Und jetzt?“

Frau Liu senkte den Kopf.

Ihr Mann stand einige Sekunden schweigend da. Dann stampfte er wütend auf.

„Gut. Ich reiße sie selbst ab.“

Er verschwand im Haus und kam mit einem Hammer zurück.

Kurz darauf fielen die ersten Ziegel.

Die Dorfbewohner begannen sich zu zerstreuen.

Als ich nach Hause ging, hörte ich jemanden flüstern:

„Mit dieser neuen Schwiegertochter sollte man sich besser nicht anlegen.“

Ich tat, als hätte ich nichts gehört.

Zu Hause saß mein Schwiegervater Chen Dehou im Hauptraum und rauchte eine Zigarette nach der anderen.

Meine Schwiegermutter Zhou Lanzhi wischte sich die Augen.

Mein Mann Chen Weidong stand schweigend in einer Ecke. Seine Hände waren so fest zu Fäusten geballt, dass sich die Fingernägel in seine Handflächen gedrückt hatten.

Ich wusch mir die Hände, setzte mich und schenkte mir Wasser ein.

„Vater, die Sache mit der Mauer ist erledigt. Morgen kümmern wir uns um deinen ausstehenden Lohn.“

Beinahe fiel ihm die Zigarette aus der Hand.

„Den Lohn?“

„Der Baustoffhändler Zhou schuldet dir seit drei Jahren 18.000 Yuan. Stimmt das?“

Er lächelte wieder auf diese verlegene Art.

„Er hat versprochen, am Jahresende zu bezahlen.“

„An welchem Jahresende?“

Er antwortete nicht.

„Das hat er letztes Jahr gesagt. Und im Jahr davor auch. Wie lange willst du noch warten?“

Meine Schwiegermutter wischte sich über das Gesicht.

„Hör diesmal auf unsere Schwiegertochter“, sagte sie leise. „Du hast es so oft versucht. Vielleicht schafft sie es.“

Mein Schwiegervater schwieg lange.

Schließlich nickte er.

2. Die 217 Arbeitstage

Am nächsten Morgen weckte ich meinen Mann früh.

„Zieh dein sauberes Hemd an.“

Er setzte sich verschlafen auf die Bettkante.

„Wohin gehen wir?“

„In die Stadt.“

„Wozu?“

„Geld holen.“

Plötzlich war er hellwach.

„Du meinst doch nicht etwa Herrn Zhou? Vielleicht sollten wir lieber noch warten.“

Ich warf ihm das Hemd auf den Schoß.

„In fünf Minuten warte ich draußen.“

Mein Schwiegervater saß bereits am Frühstückstisch. Vor ihm stand eine Schüssel dünner Reisbrei, die er kaum angerührt hatte.

„Vater, iss etwas. Du kommst mit.“

„Ich bekomme nichts herunter.“

„Dann wenigstens ein paar Löffel.“

Er rieb nervös mit den Fingern über die Tischplatte.

„Muss ich wirklich mitkommen? Herr Zhou kennt mich seit Jahren. Es ist mir unangenehm, ihn so unter Druck zu setzen.“

„Gerade deshalb musst du mitkommen. Du hast gearbeitet. Es ist dein Lohn.“

Meine Schwiegermutter kam aus der Küche.

In ihrer Hand hielt sie eine alte Plastiktüte.

„Hier“, sagte sie. „Ich habe damals alle Arbeitstage aufgeschrieben.“

Ich öffnete die Tüte.

Darin lagen zerknitterte Kalenderblätter, alte Zettel, sogar Stücke von Zigarettenschachteln.

Auf jedem stand ein Datum.

6. Februar – ein Tag.

7. Februar – ein Tag.

12. März – ein halber Tag.

Ein ganzes Arbeitsjahr, festgehalten auf Papierstücken, die andere Menschen längst weggeworfen hätten.

„Wie viele Tage waren es insgesamt?“, fragte ich.

„217“, antwortete meine Schwiegermutter. „Ich habe dreimal nachgerechnet. Bei 80 Yuan pro Tag sind das 17.360 Yuan. Herr Zhou hat selbst gesagt, er würde auf 18.000 aufrunden.“

„Und wie viel hat er bezahlt?“

„Nicht einen einzigen Yuan.“

Ihre Stimme klang beinahe gleichgültig.

Doch sie hatte die Schürzenbänder so fest um die Finger gewickelt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Ich fotografierte jeden Zettel und steckte alles sorgfältig zurück in die Tüte.

„Dann fahren wir jetzt.“

Die Baustofffabrik lag an der Landstraße.

Hinter einem großen Metalltor stapelten sich Zementsäcke, Sand und Stahlstangen. Vor dem Büro stand ein schwarzer Geländewagen mit glänzenden Felgen.

Im Büro saß ein dicker Mann mit einer goldenen Halskette und trank Tee.

Als er meinen Schwiegervater sah, lächelte er breit.

„Ach, alter Chen! Was verschafft mir denn die Ehre?“

Mein Schwiegervater griff wie gewohnt in die Tasche, um ihm eine Zigarette anzubieten.

Ich hielt seine Hand fest.

„Sie sind Herr Zhou?“

Der Mann betrachtete mich.

„Und Sie sind?“

„Seine Schwiegertochter. Wir kommen wegen seines Lohns.“

Herr Zhou stellte seine Teetasse ab.

„Das habe ich mit ihm schon besprochen. Am Jahresende wird abgerechnet.“

„An welchem Jahresende?“

„An diesem.“

„Dasselbe haben Sie letztes Jahr gesagt. Und im Jahr davor.“

Er lachte.

„Geschäfte laufen nun einmal nicht immer glatt. Eine junge Frau wie Sie versteht nichts von solchen Dingen.“

Ich sah mich im Büro um.

Auf dem Schreibtisch stand ein kostbares Teeservice. Im Schrank lagen teure Zigaretten. Draußen glänzte der Geländewagen.

„Ihr Büro sieht jedenfalls nicht so aus, als würde es Ihnen besonders schlecht gehen.“

Sein Lächeln verschwand.

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Dass wir heute die 18.000 Yuan haben möchten.“

Er stand auf.

Er war größer als mein Schwiegervater, sein schwerer Bauch ragte weit nach vorn.

„Junge Frau, sind Sie hier, um vernünftig zu reden, oder um Ärger zu machen?“

Mein Schwiegervater zog an meinem Ärmel.

„Lass gut sein. Wir können noch warten.“

Ich sah Herrn Zhou an.

„Wir haben die Aufzeichnungen von 217 Arbeitstagen. Wenn Sie nicht zahlen, gehen wir zur Arbeitsaufsichtsbehörde.“

Ich öffnete die Fotos auf meinem Handy.

„Hier sind sämtliche Daten. Möchten Sie sie sehen?“

Herr Zhou warf einen Blick darauf.

Seine Augen veränderten sich.

Ein Arbeiter steckte neugierig den Kopf durch die Bürotür und verschwand gleich wieder.

Einige Sekunden lang war es still.

Dann setzte Herr Zhou sich erneut und zündete eine Zigarette an.

„Alter Chen, deine Schwiegertochter ist wirklich eine interessante Person.“

Mein Schwiegervater blieb stumm.

„Glauben Sie etwa, die Arbeitsaufsicht könnte mir etwas anhaben?“, fragte Zhou. „Ein Anruf von mir, und die Sache ist erledigt.“

Ich lächelte.

„Dann rufen Sie an. Danach fahre ich zur zuständigen Behörde im Landkreis. Und wenn es dort nicht geklärt wird, gehe ich zur nächsthöheren Stelle.“

Seine Hand mit der Zigarette hielt inne.

Ich holte die Plastiktüte heraus und legte sie auf seinen Schreibtisch.

Die zerknitterten Zettel verteilten sich über die Tischplatte.

„217 Tage“, sagte ich. „Meine Schwiegermutter hat jeden einzelnen aufgeschrieben.“

Herr Zhou betrachtete die Papiere lange.

Schließlich drückte er seine Zigarette aus und öffnete eine Schublade.

Er zog einen Umschlag hervor.

„Ich habe 15.000 Yuan hier. Die restlichen 3.000 überweise ich nächste Woche.“

„Heute vollständig.“

Er sah mich an.

„Junge Frau, man muss doch nicht immer so unerbittlich sein.“

„Unerbittlich ist, jemanden arbeiten zu lassen und ihn anschließend drei Jahre lang nicht zu bezahlen.“

Er starrte mich an.

Dann rief er zur Tür hinaus:

„Xiao Liu! Geh zur Bank und heb 3.000 Yuan ab!“

Vierzig Minuten später hielten wir die vollständigen 18.000 Yuan in den Händen.

Vor dem Fabriktor blieb mein Schwiegervater stehen.

Er zählte das Geld.

Dann zählte er noch einmal.

Schließlich wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Gehen wir nach Hause, Vater“, sagte ich.

Er nickte und steckte den Umschlag tief in seine Jacke.

Unterwegs fragte mein Mann plötzlich:

„Was wäre gewesen, wenn er nicht bezahlt hätte?“

„Dann wären wir wirklich zur Arbeitsaufsicht gegangen.“

„Und hätte das etwas gebracht?“

„Vielleicht. Vielleicht hätten wir weitere Schritte unternehmen müssen. Aber wenn man gar nichts versucht, bekommt man ganz sicher nichts.“

Mein Mann schwieg.

Nach einer Weile griff er kurz nach meiner Hand.

Dann ließ er sie schnell wieder los.

Seine Ohren waren rot.

3. Die Tränen meiner Schwiegermutter

Meine Schwiegermutter wartete am Hoftor.

Als sie uns sah, ging sie sofort auf meinen Schwiegervater zu.

Er zog den Umschlag hervor.

„Wir haben es zurückbekommen.“

Sie nahm ihn mit zitternden Händen.

Sie zählte das Geld einmal.

Dann ein zweites Mal.

Plötzlich ging sie in die Hocke und bedeckte ihr Gesicht.

Ihre Schultern bebten, aber sie brachte keinen Laut hervor.

Mein Schwiegervater stand hilflos daneben.

„Warum weinst du denn? Das ist doch etwas Gutes.“

Sie hob den Kopf.

Tränen liefen über ihre Wangen.

„Drei Jahre, Dehou. Drei Jahre lang habe ich jeden Abend ausgerechnet, ob das Geld für Strom und Reis reicht. Weißt du überhaupt, wie ich diese Zeit überstanden habe?“

Er öffnete den Mund.

Doch es kam kein Wort heraus.

Schließlich ging er neben ihr in die Hocke.

Da saßen sie, zwei Menschen über fünfzig, vor dem Tor ihres eigenen Hauses.

Sie weinte.

Er senkte den Kopf.

Ich zog meinen Mann leise ins Haus und schloss die Tür.

Diesen Moment sollten sie für sich haben.

Zum Mittagessen kochte meine Schwiegermutter vier Gerichte statt der üblichen zwei.

Während sie am Herd stand, lächelte sie immer wieder.

Diesmal war es kein höfliches, angestrengtes Lächeln.

Es kam aus ihren Augen.

Beim Essen trank mein Schwiegervater zwei kleine Gläser Schnaps, obwohl er sonst kaum Alkohol anrührte.

Ich wartete, bis er sein Glas abgestellt hatte.

„Vater, erzähl mir jetzt von den Familien, die dir Geld schulden.“

Er zögerte.

Doch diesmal sagte er nicht sofort, wir sollten die Sache vergessen.

Er sah zu meiner Schwiegermutter.

Sie nickte.

Dann begann er.

Wang Dazhuang hatte vor fünf Jahren 3.000 Yuan geliehen. Angeblich lag seine Mutter im Krankenhaus. Mein Schwiegervater hatte das Geld noch am selben Tag geschickt.

Einen Schuldschein gab es nicht, aber die Überweisung über WeChat war gespeichert.

Zhao Guangming hatte vor vier Jahren 2.000 Yuan für eine Dachreparatur bekommen. Von ihm gab es sogar einen Schuldschein. Trotzdem ging er nicht mehr ans Telefon.

Am schwierigsten war der zweite Onkel Chen.

Er war ein älterer Verwandter, vor dem alle im Dorf Respekt hatten.

Vor fünf Jahren hatte mein Schwiegervater ihm 5.000 Yuan für die Ausbildung seines Enkels geliehen.

Das Geld hatte er damals selbst bei drei anderen Familien zusammengeborgt.

Als er später um Rückzahlung bat, erklärte der Onkel, unter Verwandten dürfe man nicht so kleinlich sein.

Seine Frau hatte meinen Schwiegervater sogar beschimpft, weil er es wagte, von einem älteren Familienmitglied Geld zu verlangen.

Ich legte meine Stäbchen hin.

„Vater, während Mutter jeden Yuan für Reis und Strom umdrehen musste, lagen 10.000 Yuan von euch bei anderen Menschen. Und niemand wollte sie zurückgeben.“

Er senkte den Kopf.

Meine Schwiegermutter fragte:

„Zu wem gehst du zuerst?“

„Zu Zhao Guangming. Von ihm haben wir einen Schuldschein.“

4. Der Mann, der angeblich nie zu Hause war

Zhao Guangming wohnte am östlichen Dorfrand.

Sein zweistöckiges Haus sah deutlich wohlhabender aus als unseres.

Ich klopfte.

Niemand öffnete.

Ich klopfte noch einmal.

Drinnen hörte ich Geräusche.

„Herr Zhao? Sind Sie zu Hause?“

Keine Antwort.

„Frau Zhao, ich weiß, dass Sie da sind. Ich kann den Fernseher hören.“

Der Fernseher verstummte sofort.

Ich lächelte.

„Gut. Dann warte ich eben draußen.“

Ich nahm einen Stein, setzte mich vor das Tor und schaute auf meinem Handy kurze Videos an.

Zehn Minuten vergingen.

Zwanzig.

Eine halbe Stunde.

Schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt.

Frau Zhao streckte den Kopf heraus.

„Wer ist da?“

„Ich komme von der Familie Chen.“

Ihr Gesicht veränderte sich.

„Was wollen Sie?“

„Die 2.000 Yuan zurückholen. Hier ist der Schuldschein.“

Sie warf einen Blick darauf.

„Mein Mann ist nicht da.“

„Dann können Sie ihn anrufen. Ich warte.“

Sie sah mich an, als könne sie nicht glauben, dass ich tatsächlich sitzen bleiben würde.

„Muss man wegen so einer kleinen Summe derart hartnäckig sein?“

„Vier Jahre lang haben Sie nicht bezahlt. Ich bin heute zum ersten Mal hier.“

Sie schlug die Tür zu.

Ich blieb sitzen.

Zehn Minuten später öffnete sich die Tür erneut.

Zhao Guangming stand vor mir.

Er trug ein Unterhemd und kurze Hosen. Seine Haare waren zerzaust.

Offenbar hatte er die ganze Zeit im Haus gesessen.

„Ach, die Familie Chen“, sagte er verlegen. „Wegen des Geldes …“

Ich stand auf und klopfte den Staub von meiner Hose.

„2.000 Yuan. Können Sie heute bezahlen?“

Er rieb sich die Hände.

„Im Moment ist es wirklich schwierig.“

Ich sah auf sein Haus.

„Sie haben die Fassade doch erst letztes Jahr neu fliesen lassen. Sieht sehr schön aus.“

Er erstarrte.

„Ich will Sie nicht unnötig unter Druck setzen“, fuhr ich fort. „Wenn Sie nicht alles auf einmal zahlen können, geben Sie heute 1.000 und nächsten Monat die restlichen 1.000.“

Er schwieg.

Da rief seine Frau aus dem Haus:

„Gib ihr doch endlich die 2.000! Es ist peinlich genug, dass sie vor unserer Tür sitzt!“

Zhao verschwand.

Als er zurückkam, hielt er ein Bündel Geldscheine in der Hand.

Er zählte 2.000 Yuan ab.

Ich nahm das Geld, zählte nach und gab ihm den Schuldschein zurück.

„Die Schuld ist beglichen.“

Er steckte das Papier hastig ein.

Als ich ging, schlug seine Frau die Tür so laut zu, dass es durch die ganze Straße hallte.

Ich drehte mich nicht um.

5. Die zwei Hunde vor dem Tor

Als Nächstes ging ich zu Wang Dazhuang.

Sein Haus lag am westlichen Dorfrand.

Im Hof waren zwei große Hunde angekettet. Schon von Weitem begannen sie zu bellen.

Seine Frau Liu Cui fütterte gerade die Hühner.

Als sie mich sah, wurde ihr Gesicht finster.

„Was wollen Sie?“

„Ich komme wegen der 3.000 Yuan, die Ihr Mann meinem Schwiegervater schuldet.“

Sie warf die Futterschüssel auf den Boden.

Maiskörner sprangen in alle Richtungen.

„Schon wieder Geld! Ihr Schwiegervater hat uns ständig damit belästigt. Jetzt schickt er auch noch seine junge Schwiegertochter! Haben wir denn nie unsere Ruhe?“

Ich blieb außerhalb des Tores.

Die Hunde zerrten bellend an ihren Ketten.

„Fünf Jahre sind vergangen“, sagte ich. „Ich möchte nur wissen, wann Sie zurückzahlen.“

„Wir haben kein Geld! Selbst wenn Sie hier den ganzen Tag schreien, wird dadurch keines auftauchen!“

Dann fügte sie triumphierend hinzu:

„Außerdem gibt es keinen Schuldschein. Wer beweist denn, dass wir uns überhaupt Geld geliehen haben?“

„Die WeChat-Überweisung über genau 3.000 Yuan ist noch gespeichert.“

Sie verstummte.

„Soll ich die Nachricht zeigen? Damals lag Ihre Schwiegermutter im Krankenhaus. Mein Schwiegervater hat nicht einmal zu Abend gegessen, bevor er Ihnen das Geld geschickt hat.“

Liu Cui öffnete den Mund.

Ich sprach weiter.

„Ihre Schwiegermutter ist längst wieder gesund. Seit fünf Jahren haben Sie keinen einzigen Yuan zurückgezahlt. Finden Sie das gerecht?“

Ein Nachbar verlangsamte seine Schritte.

Liu Cui bemerkte ihn und senkte die Stimme.

„Können Sie nicht etwas leiser reden?“

„Dann sagen Sie mir bitte, wann Sie bezahlen.“

Sie drehte sich um und ging ins Haus.

Kurz darauf hörte ich einen heftigen Streit.

„Dann geh du doch raus!“, schrie sie. „Du hast das Geld schließlich geliehen!“

„Ich habe es noch nicht zusammen!“

„Fünf Jahre lang nicht? Beim Kartenspielen hast du viel mehr verloren!“

Sogar die Hunde hatten aufgehört zu bellen.

Sie lagen jetzt auf dem Boden und beobachteten die Haustür.

Nach einer Weile erschien Wang Dazhuang.

Er war groß und kräftig, wirkte vor mir jedoch erstaunlich verlegen.

„Hören Sie“, begann er. „Ich könnte heute 2.000 Yuan geben. Die restlichen 1.000 Ende des Monats.“

„An welchem Tag genau?“

„Am Achtundzwanzigsten.“

„Einverstanden.“

Er holte das Geld.

Ich zählte nach.

„Die letzten 1.000 Yuan spätestens am Achtundzwanzigsten.“

Er nickte.

Auf dem Heimweg rechnete ich im Kopf.

2.000 Yuan von Zhao Guangming.

2.000 Yuan von Wang Dazhuang.

18.000 Yuan Lohn von Herrn Zhou.

Es fehlten noch 1.000 Yuan von Wang und die 5.000 Yuan des zweiten Onkels Chen.

Und genau dieser letzte Schuldner machte meinem Schwiegervater am meisten Angst.

6. Der Mann, dem niemand widersprechen durfte

Als ich nach Hause kam, hängte meine Schwiegermutter gerade Decken zum Trocknen auf.

Ich gab ihr das Geld.

„Zhao hat vollständig bezahlt. Wang hat 2.000 gegeben. Die restlichen 1.000 kommen Ende des Monats.“

Sie betrachtete die Scheine ungläubig.

„Und was ist mit dem zweiten Onkel Chen?“

„Darüber denke ich noch nach.“

Sie zögerte.

„Mit dieser Familie ist nicht zu spaßen. Der zweite Onkel hat im Dorf großes Ansehen. Wenn du ihn verärgerst, werden alle sagen, wir hätten keinen Respekt vor unseren Älteren.“

„Mutter, es geht um 5.000 Yuan.“

„Ich weiß. Aber …“

Sie sprach nicht weiter.

Am Abend überraschte uns mein Schwiegervater.

„Zum zweiten Onkel gehe ich selbst.“

Alle sahen ihn an.

Er kaute lange auf einem Stück Gemüse herum.

„Ihr habt mir geholfen, den Lohn und die anderen Schulden zurückzubekommen. Aber der zweite Onkel gehört zur älteren Generation unserer Familie. Mit ihm muss ich selbst sprechen.“

Ich betrachtete ihn.

„Weißt du schon, was du sagen möchtest?“

Er schüttelte den Kopf.

„Noch nicht. Aber ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht.“

Er nahm sein Glas.

„Du hattest recht. Während eure Mutter jeden Yuan umdrehen musste, lag unser Geld bei anderen Leuten. Das habe ich nicht vergessen.“

Ich nickte.

„Dann bekommst du zwei Tage. Aber wenn du keine Lösung erreichst, übernehme ich.“

Er antwortete ohne Zögern:

„Einverstanden.“

Später, beim Geschirrspülen, flüsterte mein Mann:

„Mein Vater war heute anders.“

„Inwiefern?“

„Als er gesprochen hat, saß er ganz gerade.“

Ich stellte einen Teller ins Spülbecken.

„Er konnte sich schon immer aufrichten. Er hat sich nur so lange klein gemacht, dass er es vergessen hatte.“

Zwei Tage später verließ mein Schwiegervater früh das Haus.

Er trug seine saubere Jacke, hatte die Haare ordentlich gekämmt und sogar die Schuhe geputzt.

Meine Schwiegermutter stand am Tor und sah ihm nach.

„Komm rein, Mutter. Es ist kalt.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich habe Angst, dass er wieder lächelnd zurückkommt.“

Ich wusste genau, was sie meinte.

Immer wenn mein Schwiegervater erfolglos Geld eingefordert hatte, kam er mit diesem verlegenen Lächeln zurück.

Als wäre nichts passiert.

Als wollte er niemandem Sorgen machen.

Doch meine Schwiegermutter hatte ihn sechsundzwanzig Jahre lang begleitet.

Sie durchschaute dieses Lächeln.

Ich ließ meinen Mann zwei Stühle und eine Kanne Tee nach draußen bringen.

Dann warteten wir gemeinsam.

Nach etwas mehr als einer Stunde kam mein Schwiegervater zurück.

Er ging langsamer als am Morgen.

Am Tor blieb er stehen.

Diesmal lächelte er nicht.

„Und?“, fragte meine Schwiegermutter.

Er setzte sich, schenkte sich Tee ein und trank einen Schluck.

„Der zweite Onkel sagt, er habe kein Geld.“

Meine Schwiegermutter ließ die Schultern sinken.

„Er sagt, als er sich das Geld geliehen hat, habe er nie daran gedacht, es zurückzahlen zu müssen. Wir seien schließlich eine Familie.“

Mein Schwiegervater starrte in seine Tasse.

„Er hat auch gesagt, wenn ich wegen dieser 5.000 Yuan weiter Ärger mache, könne ich mich im Dorf nicht mehr sehen lassen.“

Es wurde still.

„Hat er das wirklich gesagt?“, fragte ich.

Mein Schwiegervater nickte.

„Er saß auf dem besten Platz im Hauptraum. Seine Frau knackte Erdnüsse und sah mich nicht einmal an.“

Er schluckte.

„Er fragte, ob ich mich jetzt für etwas Besseres halte, nur weil ich eine so streitlustige Schwiegertochter bekommen habe.“

„Und was hast du gesagt?“

„Ich habe erklärt, dass ich das Geld damals selbst zusammenleihen musste. Dass wir es dringend brauchen. Ich habe sogar Ratenzahlungen angeboten.“

„Und dann?“

„Er schlug mit der Teetasse auf den Tisch und fragte, ob ich schwerhörig sei.“

Mein Schwiegervater hielt inne.

„Seine Frau sagte, wenn wir in unserem Alter so arm seien, hätten wir eben schlecht gewirtschaftet. Und ich sollte mich schämen, von einem älteren Verwandten Geld zu verlangen.“

Meine Schwiegermutter stand auf und ging in die Küche.

Kurz darauf hörten wir, wie sie das Geschirr ungewöhnlich laut abstellte.

Mein Schwiegervater sah auf seine Hände.

„Ich habe es wieder nicht geschafft, entschieden zu sprechen. Sobald er laut wurde, bekam ich Angst.“

Ich trat vor ihn.

„Vater, du bist heute trotzdem weiter gekommen als früher.“

Er hob den Kopf.

Seine Augen waren gerötet.

„Den Rest überlasse ich dir“, sagte er schließlich.

7. Die 5.000 Yuan des zweiten Onkels

Am nächsten Morgen ging ich allein los.

Das Haus des zweiten Onkels lag am Ende des Dorfes.

Vor dem alten Backsteinhaus standen zwei Jujubebäume. Im Hof hing eine Reihe getrockneter Fleischstücke.

Seine Frau saß draußen und putzte Gemüse.

Als sie mich sah, hielt sie inne.

„Du bist doch die neue Schwiegertochter von Dehou?“

„Guten Morgen. Ich möchte kurz mit dem zweiten Onkel sprechen.“

Ihr Gesicht verfinsterte sich.

„Schon wieder wegen des Geldes? Dein Schwiegervater war doch gestern hier!“

„Ich brauche nur ein paar Minuten.“

Ich ging in den Hauptraum.

Der zweite Onkel saß vor einem Radio und trank Tee.

Er war über sechzig, hatte graue Haare und wirkte noch sehr rüstig.

Als er mich sah, drehte er das Radio leiser.

„Du bist also Dehous neue Schwiegertochter.“

„Guten Morgen, zweiter Onkel.“

„Setz dich.“

„Danke. Ich bleibe lieber stehen. Es dauert nicht lange.“

Er hob seine Teetasse.

„Was gibt es denn noch zu besprechen? Dein Schwiegervater hat dir sicher alles erzählt.“

„Ja. Deshalb bin ich hier.“

Er trank einen Schluck.

„Dehou ist vor meinen Augen aufgewachsen. Unter Verwandten hilft man einander. Das ist selbstverständlich.“

„Helfen ist eine Sache. Geld leihen eine andere.“

Er runzelte die Stirn.

„Du bist gerade erst in diese Familie gekommen. Was weißt du schon über unsere Angelegenheiten?“

„Genug, um zu wissen, dass mein Schwiegervater die 5.000 Yuan damals bei drei anderen Familien zusammenleihen musste.“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Was soll das heißen?“

„Dass er selbst kein Geld hatte. Trotzdem hat er Ihnen geholfen, weil Ihr Enkel dringend Geld für die Schule brauchte.“

Der zweite Onkel schlug seine Teetasse auf den Tisch.

„Willst du mit mir abrechnen? Ich bin dein Ältester!“

Seine Frau kam herein.

„Ich habe es doch gesagt! Seit diese Frau ins Haus gekommen ist, gibt es nur Ärger! Sie kennt überhaupt keinen Respekt!“

Ich wartete, bis sie fertig war.

„Sie haben recht“, sagte ich ruhig. „Mein Schwiegervater ist ein gutmütiger Mensch. Er bittet andere kaum um Hilfe und kann schlecht Nein sagen.“

Sie schnaubte.

„Na also!“

„Aber auch ein gutmütiger Mensch muss leben können.“

Sie verstummte.

„Die 5.000 Yuan hat er selbst geliehen, um sie Ihnen zu geben. Seit fünf Jahren trägt er die Verantwortung für diese Schulden. Ihr Enkel konnte zur Schule gehen, aber mein Schwiegervater musste das Geld bei anderen Menschen zurückzahlen.“

Im Raum wurde es still.

Ich sah den zweiten Onkel an.

„Ich möchte nicht über Rang und Alter sprechen. Nur über eine einzige Frage: Muss man geliehenes Geld zurückzahlen oder nicht?“

Seine Finger trommelten auf den Tisch.

„Willst du mich unter Druck setzen?“

„Nein. Ich möchte, dass Sie Ihre Schulden begleichen.“

Ich holte mein Handy heraus.

Auf dem Bildschirm war die WeChat-Überweisung zu sehen.

Genau 5.000 Yuan.

Mit Datum und Empfänger.

„Wenn Sie möchten, können Sie den Eingang auf Ihrem eigenen Handy überprüfen.“

Er rührte sich nicht.

Seine Frau beugte sich vor und sah auf den Bildschirm.

Dann wurde sie blass.

Ich steckte das Handy weg.

„Ich verlange nicht, dass Sie alles auf einmal bezahlen. Wir können Raten vereinbaren. Aber es muss einen festen Termin geben.“

Der zweite Onkel lehnte sich zurück und rieb sich die Stirn.

Das Radio summte leise im Hintergrund.

Seine Frau stand noch eine Weile neben ihm.

Dann drehte sie sich plötzlich um und ging ins Schlafzimmer.

Ich hörte, wie Schränke geöffnet wurden.

Schubladen klapperten.

Einige Minuten später kam sie mit einem Bündel Geldscheine zurück.

Sie warf es auf den Tisch.

„Hier! 5.000 Yuan! Nimm sie und lass dich nie wieder bei uns blicken!“

Ihre Hände zitterten.

Ich nahm das Geld nicht sofort.

„Ich zähle kurz nach.“

„Dann zähl eben!“

Ich zählte jeden Schein.

Es waren genau 5.000 Yuan.

„Danke. Damit ist die Schuld beglichen.“

Der zweite Onkel sah zum Fenster hinaus.

Seine Frau drehte mir den Rücken zu.

Ich verabschiedete mich und verließ das Haus.

Unter den Jujubebäumen hörte ich, wie drinnen etwas zu Boden geworfen wurde und zerbrach.

Ich ging weiter.

Ohne mich umzudrehen.

8. Ein Satz, mit dem niemand gerechnet hatte

Zu Hause gab ich meiner Schwiegermutter die 5.000 Yuan.

Sie legte sie zu den anderen Beträgen und wickelte alles sorgfältig in ein Stofftuch.

Dann versteckte sie das Geld unten im Schrank.

„Zhao hat 2.000 zurückgezahlt“, sagte sie leise. „Wang hat 2.000 gegeben und schuldet noch 1.000. Der zweite Onkel hat die 5.000 zurückgegeben. Und der Lohn deines Vaters ist auch da.“

Sie schloss den Schrank.

Eine Weile blieb sie davor stehen.

Als sie sich umdrehte, lächelte sie.

Doch Tränen liefen über ihr Gesicht.

„Du bist erst einen Monat hier“, sagte sie. „In einem Monat hast du mehr zurückgeholt, als dein Schwiegervater und ich in sechsundzwanzig Jahren geschafft haben.“

Mein Schwiegervater stand in der Tür.

Niemand hatte bemerkt, wann er gekommen war.

Als er diese Worte hörte, senkte er den Kopf.

Meine Schwiegermutter ging zu ihm.

„Ich mache dir keinen Vorwurf“, sagte sie und klopfte ihm auf die Schulter. „Du hast einfach ein zu weiches Herz.“

Er nickte.

Dann ging er in den Hof, setzte sich auf seinen alten Korbstuhl und zündete eine Zigarette an.

Die Abendsonne fiel auf sein Gesicht.

Mein Mann stand neben mir und beobachtete ihn.

„Papa ist alt geworden“, murmelte er.

„Er ist vor allem müde geworden.“

Mein Mann schwieg.

Am Abend aßen wir gemeinsam.

Mein Schwiegervater trank drei kleine Gläser Schnaps.

Dann stellte er sein Glas ab.

„Von jetzt an“, sagte er, „hören wir bei wichtigen Familienangelegenheiten auf unsere Schwiegertochter.“

Alle hielten inne.

Meine Schwiegermutter sah ihn verblüfft an.

Mein Mann verschluckte sich beinahe.

Ich nahm ein Stück Gemüse.

„Vater, ich habe nur getan, was nötig war. Du bleibst das Oberhaupt dieser Familie.“

„Nein.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich habe mehr als zwanzig Jahre lang die Entscheidungen getroffen. Und am Ende hat das ganze Dorf über uns gelacht.“

Er sah mich an.

„Du bist mutiger als ich.“

Dann trank er noch einen Schluck.

Seine Augen wurden rot.

Aber diesmal wischte er sie nicht ab.

9. Das ganze Dorf begann zu reden

Die Nachrichten verbreiteten sich schneller, als ich erwartet hatte.

Zuerst sprach man über Frau Lius Mauer.

Dann über Zhao Guangmings Schulden.

Über Wang Dazhuang.

Über den zweiten Onkel Chen.

Und schließlich über die 18.000 Yuan, die Herr Zhou nach drei Jahren endlich bezahlt hatte.

Im Dorfladen erzählte mir Frau Li:

„Alle reden über dich.“

„Was sagen sie denn?“

Sie knackte einen Sonnenblumenkern.

„Manche sagen, die Familie Chen habe endlich jemanden, der für sie einsteht. Andere finden dich unverschämt und streitsüchtig.“

„Wer sagt das?“

Sie grinste.

„Rate mal.“

Ich überlegte.

„Frau Liu, Liu Cui und die Frau des zweiten Onkels?“

Frau Li schlug sich lachend aufs Knie.

„Genau die drei! Sie stehen jeden Tag unter dem alten Baum am Dorfeingang und schimpfen über dich.“

Ich lächelte.

„Sollen sie.“

„Du ärgerst dich nicht?“

„Warum sollte ich? Das Geld ist zurück. Das Grundstück gehört wieder uns. Der Lohn ist bezahlt. Was andere erzählen, kann ich nicht kontrollieren.“

Frau Li wurde ernster.

„Trotzdem musst du vorsichtig sein. Frau Liu ist nachtragend. Ihr Mann kennt einige Leute in der Stadt. Und der zweite Onkel hat im Dorf viel Einfluss.“

Ich nickte.

Auf dem Heimweg begegnete ich einer älteren Nachbarin, Frau Zhao.

Sie hatte uns für die Hochzeit einen Tisch geliehen.

„Ach, die neue Schwiegertochter der Familie Chen!“

Sie kam auf mich zu und nahm meine Hand.

„Du hast das gut gemacht. Alle haben gesehen, wie deine Schwiegereltern behandelt wurden. Nur hat nie jemand etwas gesagt.“

„Sie übertreiben.“

„Überhaupt nicht. Dein Schwiegervater hat unser Dach zweimal repariert und keinen einzigen Yuan verlangt. So einen Menschen sollte niemand ausnutzen.“

Sie klopfte auf meine Hand und ging weiter.

Wenig später hielt ein Junge auf dem Fahrrad neben mir.

Es war Chen Xiaolei, der Enkel des zweiten Onkels.

Er war etwa siebzehn oder achtzehn Jahre alt und besuchte die Oberschule in der Stadt.

„Schwägerin?“

„Xiaolei?“

Er senkte den Kopf.

Lange sagte er nichts.

Dann flüsterte er:

„Es tut mir leid, was mein Großvater gemacht hat.“

Ich sah ihn an.

„Du musst dich dafür nicht entschuldigen.“

„Aber die 5.000 Yuan waren damals wirklich für meine Schulgebühren.“

Er biss sich auf die Lippen.

„Ich wusste nicht, dass Onkel Dehou sich das Geld selbst leihen musste. Ich dachte immer, mein Großvater hätte es bezahlt.“

Ich legte eine Hand auf seinen Fahrradlenker.

„Das hat nichts mit dir zu tun.“

Er hob den Kopf.

„Wenn ich später arbeite, werde ich nie vergessen, was Onkel Dehou für mich getan hat.“

„Dann lern fleißig“, sagte ich. „Das ist im Moment das Wichtigste.“

Er nickte und fuhr davon.

Als ich nach Hause kam, arbeitete mein Schwiegervater im Hof.

Er baute die Mauer wieder auf.

Dort, wo Frau Lius Familie ihre Mauer entfernt hatte, war das alte Fundament beschädigt.

Mein Schwiegervater trug Ziegel, mischte Mörtel und setzte Stein auf Stein.

Er hatte sein Leben lang körperlich gearbeitet. Das Mauern beherrschte er gut.

Mein Mann stand neben ihm und reichte ihm die Ziegel.

Die beiden sprachen kaum.

Aber ihre Bewegungen waren aufeinander abgestimmt.

Ich brachte ihnen zwei Gläser Wasser.

Aus der Küche kam der Duft des Abendessens.

Meine Schwiegermutter kochte.

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass dieses Haus wieder zu einem richtigen Zuhause wurde.

10. Zum ersten Mal sagte mein Schwiegervater Nein

Beim Abendessen legte mein Schwiegervater plötzlich die Stäbchen hin.

„Übermorgen findet das Dorffest statt.“

Mein Mann nickte.

„Dann musst du wieder Tische tragen und Geschirr spülen.“

Mein Schwiegervater sah ihn an.

„Dieses Jahr gehe ich nicht.“

Alle blickten auf.

Er nahm ein Stück Gemüse.

„Früher dachte ich, ich müsste helfen, wenn mich jemand darum bittet. Sonst würden die Leute sagen, ich sei unfreundlich.“

Er kaute langsam.

„Aber jedes Jahr habe ich die Tische geschleppt, Geschirr gespült und hinterher aufgeräumt. Während die anderen saßen, tranken und miteinander redeten.“

Er schluckte.

„Ich kam mir vor wie ein Diener.“

Niemand sagte etwas.

„Dieses Jahr bleibe ich zu Hause. Wer helfen möchte, soll hingehen.“

Meine Schwiegermutter aß ruhig weiter.

Doch ich bemerkte das kleine Lächeln in ihrem Gesicht.

Am Morgen des Dorffestes klopfte ein älterer Mann an unser Tor.

Es war Herr Zhou, einer der Organisatoren.

„Dehou! Kommst du heute nicht helfen?“

Mein Schwiegervater saß im Hof und trank Tee.

Er stand nicht einmal auf.

„Dieses Jahr habe ich zu Hause zu tun.“

Der Mann war verblüfft.

„Was denn?“

„Die Mauer fertig bauen.“

Er sah auf die Ziegel im Hof.

Dann wieder auf meinen Schwiegervater.

Schließlich ging er kopfschüttelnd davon.

Mittags kam mein Mann aus dem Dorfladen zurück.

„Beim Fest fehlen Leute“, erzählte er. „Niemand will die Tische tragen oder das Geschirr spülen.“

Ich wusch gerade Gemüse.

„Und?“

„Frau Liu schimpft. Sie sagt, unsere Familie sei undankbar. Der zweite Onkel behauptet, Papa lasse sich von seiner Schwiegertochter gegen die ganze Verwandtschaft aufhetzen.“

Ich legte das Gemüse ab.

„Wer hat uns denn bei unserer Hochzeit geholfen?“

Mein Mann schwieg.

„Wer hat die Tische getragen? Wer hat gekocht? Wer hat gespült? Wer hat den Hof aufgeräumt?“

Er sah zu Boden.

„Wir selbst.“

„Genau. Wenn andere Hilfe brauchten, war dein Vater immer da. Aber wenn unsere Familie Hilfe brauchte, war niemand zu sehen.“

Mein Mann stellte die Tüte mit Salz auf den Tisch.

„Ich weiß. Es ist nur unangenehm, solche Dinge über uns zu hören.“

„Natürlich ist es unangenehm. Aber vielleicht sorgt dieses Gefühl dafür, dass du dich später nicht wieder so behandeln lässt.“

Am Nachmittag wurde es laut vor unserem Tor.

Frau Liu war gekommen.

Neben ihr standen Liu Cui und die Frau des zweiten Onkels.

Frau Liu schrie am lautesten:

„Familie Chen! Wollt ihr überhaupt noch in diesem Dorf leben?“

Liu Cui fiel ein:

„Wegen ein paar Tausend Yuan habt ihr uns vor allen Leuten bloßgestellt!“

Die Frau des zweiten Onkels stand schweigend daneben.

Doch allein ihre Anwesenheit sollte offenbar zeigen, dass auch die ältere Generation gegen uns war.

Mein Schwiegervater stand im Hof.

Seine Hand wanderte unwillkürlich zur Zigarettentasche.

Meine Schwiegermutter trat aus der Küche.

Ich ließ meine Arbeit liegen und ging zum Tor.

„Wenn Sie etwas zu sagen haben, können Sie hereinkommen“, sagte ich. „Warum schreien Sie draußen herum?“

Frau Liu stemmte die Hände in die Hüften.

„Ich will, dass das ganze Dorf hört, was für Menschen ihr seid!“

Passanten blieben stehen.

Ich lehnte mich an den Türrahmen.

„Gut. Dann sprechen wir vor allen.“

Ich sah Frau Liu an.

„Ihre Mauer stand 1,30 Meter auf unserem Grundstück. Stimmt das?“

Sie öffnete den Mund.

Doch es kam keine Antwort.

Ich wandte mich an Liu Cui.

„Ihre Familie hatte sich 3.000 Yuan geliehen und fünf Jahre lang nicht zurückgezahlt. Stimmt das?“

Ihr Gesicht wurde rot.

Dann sah ich die Frau des zweiten Onkels an.

„Ihr Mann hatte 5.000 Yuan bekommen. Mein Schwiegervater musste sich dieses Geld selbst bei anderen Familien leihen. Stimmt das?“

Sie presste die Lippen zusammen.

Keine der drei Frauen antwortete.

Immer mehr Dorfbewohner blieben stehen.

Ich sprach weiter, ohne die Stimme zu heben.

„Ich bin seit einem Monat in dieser Familie. Was habe ich getan? Ich habe die Grundstücksgrenze anhand der Unterlagen überprüft. Ich habe den ausstehenden Lohn eingefordert. Und ich habe Menschen gebeten, ihre Schulden zurückzuzahlen.“

Ich trat einen Schritt vor.

„Welche dieser Sachen war falsch?“

Niemand sagte etwas.

„Sie behaupten, ich kenne die Regeln dieses Dorfes nicht.“

Ich sah die drei Frauen nacheinander an.

„Welche Regeln meinen Sie? Dass man schweigen muss, wenn jemand das eigene Grundstück wegnimmt? Dass man seinen Lohn nicht verlangen darf? Dass man geliehenes Geld verschenken muss, nur damit andere zufrieden sind?“

Frau Liu öffnete den Mund.

Dann schloss sie ihn wieder.

Eine ältere Frau aus der Menge murmelte:

„Ganz unrecht hat sie nicht.“

Liu Cui zog an Frau Lius Ärmel.

Frau Liu schüttelte sie ab, machte aber bereits einen Schritt zurück.

Die Frau des zweiten Onkels blickte in die Menge.

Dann drehte sie sich wortlos um und ging.

Liu Cui folgte ihr.

Frau Liu blieb noch einen Moment stehen.

„Ihr werdet schon sehen!“, zischte sie.

Dann ging auch sie.

Vor unserem Tor wurde es still.

Die Zuschauer zerstreuten sich langsam.

Einige sahen noch einmal zu mir zurück.

Doch ihre Blicke waren anders als früher.

Sie betrachteten mich nicht mehr wie eine seltsame neue Schwiegertochter.

Zum ersten Mal lag darin etwas wie Respekt.

11. Der Mann, der sich nach fünf Jahren entschuldigte

Nach diesem Tag wurde es im Dorf eine Weile ruhiger.

Niemand kam mehr vor unser Tor, um uns zu beschimpfen.

Frau Liu wechselte die Straßenseite, wenn sie mich sah.

Liu Cui grüßte mich nicht.

Die Frau des zweiten Onkels tat, als wäre ich unsichtbar.

Das störte mich nicht.

Stattdessen begannen andere Menschen, uns freundlicher zu begegnen.

Eine ältere Nachbarin brachte Gemüse aus ihrem Garten vorbei.

Frau Li erzählte mir, dass inzwischen viele Dorfbewohner anders über uns sprachen.

„Sie sagen, du bist zwar hartnäckig, aber du hast Beweise für das, was du behauptest.“

Ich lächelte.

„Mehr verlange ich nicht.“

Am Achtundzwanzigsten kam Wang Dazhuang tatsächlich zu unserem Haus.

Er hatte die letzten 1.000 Yuan dabei.

Und diesmal musste ich ihn nicht daran erinnern.

Er stand verlegen am Tor und hielt mir das Geld hin.

„Zähl lieber nach.“

Ich nahm die Scheine.

„Es stimmt. Danke.“

Er blieb stehen.

„Ist dein Schwiegervater da?“

Ich rief nach ihm.

Als mein Schwiegervater Wang sah, blieb er überrascht stehen.

Wang rieb sich die Hände.

Lange suchte er nach Worten.

Dann sagte er:

„Großer Bruder Chen, es tut mir leid. Ich habe dich viel zu lange warten lassen. Das war nicht richtig.“

Mein Schwiegervater starrte ihn an.

Fünf Jahre lang hatte er versucht, sein Geld zurückzubekommen.

Jedes Mal hatte Liu Cui ihn vor dem Tor abgefangen.

Manchmal hatte er Wang nicht einmal zu Gesicht bekommen.

Und nun stand dieser Mann vor ihm und entschuldigte sich.

Mein Schwiegervater bewegte die Lippen.

Schließlich sagte er nur:

„Schon gut.“

Doch diesmal klang es anders.

Nicht wie eine Entschuldigung für das Verhalten eines anderen.

Sondern wie die Antwort eines Menschen, der eine Entschuldigung annehmen durfte.

Nachdem Wang gegangen war, saß mein Schwiegervater lange im Hof.

Er rauchte nicht.

Er saß einfach da.

Der Herbst hatte begonnen. Vom alten Baum fielen die ersten Blätter.

Eines landete auf seiner Schulter.

Er ließ es liegen.

Am Abend kochte meine Schwiegermutter zusätzlich Eier.

„Heute gibt es etwas zu feiern“, sagte sie.

Während des Essens legte mein Schwiegervater die Schüssel ab.

„Ich möchte etwas sagen.“

Alle sahen ihn an.

„In zwei Tagen heiratet die Tochter von Herrn Li am östlichen Dorfrand. Er hat gefragt, ob ich helfen kann.“

Mein Mann runzelte die Stirn.

„Und was hast du gesagt?“

„Dass ich darüber nachdenke.“

Er hielt kurz inne.

„Herr Li hat unsere Familie immer gut behandelt. Vor vielen Jahren, bei einer Überschwemmung, habe ich seine kleine Tochter auf dem Rücken durch das Wasser getragen. Er hat das nie vergessen. Jedes Neujahr bringt er uns zwei Fische vorbei.“

Meine Schwiegermutter nickte.

„Herr Li ist ein anständiger Mensch.“

Mein Schwiegervater sah mich an.

„Ich möchte ihm helfen. Aber diesmal anders als früher. Ich werde die Tische tragen und bei den Vorbereitungen mit anpacken. Doch wenn alle anderen sitzen und ich wieder allein bis spät in die Nacht die Töpfe schrubben soll, gehe ich nach Hause.“

Ich legte meine Stäbchen hin.

„Vater, das entscheidest du selbst. Du brauchst mich nicht um Erlaubnis zu fragen.“

Er nickte.

Nach ein paar Bissen legte er die Stäbchen erneut ab.

„Noch etwas.“

Er sah meinen Mann an.

„Weidong, von jetzt an hältst du im Dorf den Kopf hoch. Wenn jemand freundlich mit dir spricht, antworte freundlich. Wenn dich jemand schlecht behandelt, musst du dich nicht kleinmachen.“

Mein Mann schluckte.

Dann nickte er kräftig.

„Ja, Vater.“

Mein Schwiegervater hob sein Glas und stieß mit mir an.

Er sagte nicht Danke.

Er hielt keine Rede.

Unsere Gläser berührten sich nur ganz leicht.

Aber ich hörte dieses kleine Geräusch sehr deutlich.

12. Zum ersten Mal durfte er am Tisch sitzen

Am Tag der Hochzeit ging mein Schwiegervater zu Herrn Li.

Er trug Tische, stellte Stühle auf und bereitete zwei Fische für das Festessen vor.

Als die Arbeit erledigt war, nahm Herr Li ihn am Arm.

„Komm, Dehou. Setz dich zu uns und trink etwas.“

Und mein Schwiegervater setzte sich.

Früher hätte er das niemals getan.

Früher hatte er nach der Arbeit irgendwo in einer Ecke gehockt, hastig etwas gegessen und war dann nach Hause gegangen.

Diesmal saß er mit den anderen Gästen am Tisch.

Er trank ein paar Gläser und unterhielt sich.

Als er am Abend zurückkam, war sein Gesicht gerötet.

Seine Schritte waren etwas unsicher.

Aber sein Rücken war gerade.

Mein Mann öffnete ihm das Hoftor.

„Vater, du bist betrunken.“

„Überhaupt nicht. Nur drei Gläser.“

Er schwankte leicht und hielt sich am Türrahmen fest.

Dann begann er zu lachen.

„Herr Li hat heute etwas zu mir gesagt.“

„Was denn?“

„Dehou, hat er gesagt, deine Schwiegertochter ist wirklich nicht schlecht. Sie hat dir geholfen, wieder aufrecht zu stehen.“

Mein Schwiegervater lachte erneut.

Es war nicht dieses verlegene Lachen, mit dem er früher alle beschwichtigt hatte.

Es war ein echtes Lachen.

Seine Augen leuchteten.

Mein Mann führte ihn ins Haus.

Meine Schwiegermutter wärmte gerade das Essen auf.

Als sie ihn sah, schimpfte sie:

„In deinem Alter noch so viel trinken!“

Aber während sie sprach, schenkte sie ihm bereits warmes Wasser ein.

Mein Schwiegervater setzte sich.

Er trank zwei Schlucke.

„Lanzhi“, sagte er plötzlich, „heute bin ich wirklich glücklich.“

„Das sieht man.“

„Nicht wegen des Alkohols.“

Er stellte die Tasse ab.

„Weil ich endlich am Tisch sitzen durfte.“

Meine Schwiegermutter hielt inne.

„Mehr als zwanzig Jahre lang habe ich anderen bei ihren Feiern geholfen. Aber nie saß ich mit ihnen am Tisch. Heute hat Herr Li gesagt, ich solle mich setzen.“

Er klopfte auf sein Knie.

„Und ich habe mich einfach hingesetzt.“

Meine Schwiegermutter drehte sich um.

Ihre Schultern zitterten leicht.

Ich blieb an der Tür stehen.

Mein Mann kam neben mich.

„Mein Vater war früher nicht so“, flüsterte er.

„Ich weiß.“

„Früher hätte er nie so gesprochen.“

„Ich weiß.“

Er sah mich an.

„Du bist erst zwei Monate hier.“

„Ja. Erst zwei Monate.“

Seine Stimme wurde rau.

Ich klopfte ihm auf den Arm.

„Jetzt geh und hilf deiner Mutter mit dem Essen.“

Er lächelte und ging in die Küche.

Ich blieb allein im Hof stehen.

Der Himmel war dunkel geworden.

Über mir leuchteten die Sterne.

Die neue Gartenmauer war fertig.

Die Ziegel standen sauber und ordentlich aufeinander.

Die Grenze war wieder klar zu erkennen.

Und plötzlich dachte ich, dass diese Mauer mehr bedeutete als nur ein Stück Grundstück.

Was unserer Familie gehörte, sollte ihr gehören.

Nicht einen Zentimeter wollten wir jemand anderem wegnehmen.

Aber wir mussten auch keinen Zentimeter mehr verschenken.

Aus dem Haus hörte ich das Klappern von Geschirr.

Meine Schwiegermutter sagte etwas.

Mein Schwiegervater lachte.

Mein Mann stritt sich spielerisch mit seiner Mutter.

„Mutter, hör auf, mir noch mehr auf den Teller zu legen!“

„Iss ordentlich! Du bist so dünn. Sonst findet deine Frau dich bald nicht mehr hübsch!“

„Mutter! Warum kommst du immer darauf zurück?“

Ich musste lächeln.

Als ich in diese Familie eingeheiratet hatte, waren alle so daran gewöhnt gewesen nachzugeben, dass jeder im Dorf glaubte, sie nach Belieben behandeln zu können.

Jetzt war es anders.

Die Mauer stand wieder.

Das Geld war zurück.

Auf dem Esstisch standen zwei Gerichte mehr als früher.

Aber die größte Veränderung konnte man nicht zählen oder messen.

Mein Schwiegervater hatte gelernt, Nein zu sagen.

Meine Schwiegermutter musste nicht mehr jede Sorge still hinunterschlucken.

Und mein Mann begann, seinen eigenen Standpunkt zu vertreten.

Hatte ich ihnen beigebracht, aufrecht zu stehen?

Nicht wirklich.

Sie hatten es schon immer gekonnt.

Sie hatten nur so lange den Kopf gesenkt, dass sie vergessen hatten, wie es sich anfühlte, ihn wieder zu heben.

Ich hatte lediglich den ersten Anstoß gegeben.

Die nächsten Schritte waren sie selbst gegangen.

Mein Schwiegervater hatte sich allein dem zweiten Onkel gestellt.

Mein Mann hatte beim Wiederaufbau der Mauer mit angepackt.

Meine Schwiegermutter hatte die alten Arbeitsaufzeichnungen hervorgeholt, die sie all die Jahre aufbewahrt hatte.

Jeder von ihnen hatte seinen eigenen Teil dazu beigetragen.

Ich ging ins Haus.

Meine Schwiegermutter stellte mir eine Schüssel heiße Suppe hin.

„Trink, bevor sie kalt wird.“

Ich nahm einen Schluck.

Dann setzte sie sich neben mich und ergriff meine Hand.

Ihre Haut war rau.

Die Fingerknöchel waren hart und schwielig, die Handflächen voller kleiner Risse.

Sechsundzwanzig Jahre Kochen, Waschen, Gemüseanbau und Hühnerfüttern hatten ihre Spuren hinterlassen.

Aber auch sechsundzwanzig Jahre voller Dinge, die sie heruntergeschluckt hatte, um keinen Streit auszulösen.

Sie drückte meine Hand.

Tränen liefen über ihre Wangen.

„Mutter, wein doch nicht.“

Sie schüttelte den Kopf.

Sie brachte kein Wort heraus.

Ich drehte meine Hand um und hielt ihre fest.

„Mutter, wenn in Zukunft jemand unsere Familie schlecht behandeln will, soll er zuerst fragen, ob ich damit einverstanden bin.“

Da begann sie noch heftiger zu weinen.

Sie beugte sich über den Tisch.

Mein Schwiegervater klopfte ihr sanft auf den Rücken.

Auch seine Augen waren feucht.

Mein Mann stand an der Küchentür, schniefte und drehte sich schnell weg.

Ich weinte nicht.

Ich hob meine Schüssel und trank die Suppe bis zum letzten Tropfen aus.

Diese Familie würde ich beschützen.

ENDE


Was meint ihr? War die Schwiegertochter zu hart – oder brauchte diese Familie endlich jemanden, der sich für sie einsetzte? Schreibt eure Meinung in die Kommentare. ❤️

Disclaimer This content is intended for entertainment purposes only and is not based on real events.
Back to top button

Adblock Detected

DISABLE ADBLOCK TO VIEW THIS CONTENT!